Aus der Altersarmut auf den Campingplatz

Beate_Hundeleine
Foto: Sarah Bioly

Mietwohnung in Ulm, KFZ-Versicherung, Krankenversicherung und übrig bleibt fast nichts. In Rente gehen bedeutet für Gabriele Brenner kein Geld für Reisen, keins für neue Kleidung, keines, um ihren Enkeln etwas Gutes zu tun.

Auf diese Lebensqualität möchte sie nicht verzichten. Seit November 2017 lebt sie deshalb auf dem Campingplatz Heidehof auf der Schwäbischen Alb. Für 1100 Euro Miete im Jahr.

Reportage von Sarah Bioly und Franziska Peschel erschienen in der Stuttgarter Zeitung am 11. November 2018

GO_Mag_Peschel

Ich war in Starnberg auf der Suche nach Menschen, die so viel Geld haben, dass sie sich ein Stück Seezugang erkaufen können. Was ich gefunden habe, war mindestens genauso viel Armut. Am Bahnhof angekommen, wurde ich zuerst nass (durch das Blechgerippe, das mal ein Bahnhofsdach war), dann wütend: Wie können alle Journalisten immer nur über den Wohlstand am Starnberger See schreiben, wenn Flaschensammler, Obdachlose und Tafelgänger ganz genauso sichtbar sind? Planänderung, ab ins Elend.

Eine Reportage über die, die ihren Platz suchen im Nest, das Schlagersänger, TV-Moderatoren, Manager und DFB-Profiteure sich hergerichtet haben.

Erschienen im GO-Magazin der Zeitenspiegel Reportageschule, Oktober 2018.

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Foto: Daniel Niedermeier

Wie ich mir eine neue Familie suchte

Gestrandet im Dorf Molovata. Noch freue ich mich über den Blick auf den Stausee des Dnister, die blauen Häuser aus Lehm. Da merke ich: Es gibt kein Verkehrsmittel, das mich zurück in die Hauptstadt bringen kann. Niemand spricht eine Sprache, die ich auch spreche. Soll ich dem Mann folgen, der erklärt, das Taxi führe bei ihm zu Hause? Was bleibt mir anderes übrig.

Eine Reportage aus der Republik Moldau

Erschienen im Online-Magazin ReporterReisen der Zeitenspiegel Reportageschule,
Juli 2018

 

Grünliebhaber im Rettungseinsatz

Screenshot (7)Vogelgezwitscher statt Hundekot: Wer die Patenschaft für ein Beet am Straßenrand übernimmt, gestaltet die eigene Nachbarschaft mit.

erschienen in der Ausgabe 01/2016 des Magazins
Bin im Garten

Pflanzen in der Stadt haben es nicht leicht: Ihr Nährboden muss als Mülleimer, als Parkplatz, als Toilette für Mensch und Hund herhalten. Verzweifelte Tierhalter missbrauchen Baumstämme als Schwarzes Brett. Die Reifen tonnenschwerer Fahrzeuge drücken erbarmungslos die Erde platt. Da ist die Initiative wohlgesinnter Bürger gefragt! Wem es also nicht ausreicht, Freunde in Not oder die eigene Familie zu unterstützen, bedrohten Tieren oder hungernden Kindern zu helfen, und wer sich trotzdem mit dem Titel „ehrenamtlicher Mitarbeiter der Stadt“ schmücken möchte, dem verschafft das Grünflächenamt mit dem Angebot, eine Patenschaft zu übernehmen, dazu eine Gelegenheit. Und damit jeder Nachbar das soziale Engagement bewundern kann, trägt eine Plakette im Beet den Namen des Wohltäters.

Doch eine Grünflächenpatenschaft ist mehr als Kleingärtnergroßpurigkeit. Verantwortung für ein Beet oder eine Baumscheibe – das kleine Feld Erde um die Straßenbäume – zu übernehmen heißt, die eigene Stadt aktiv mitzugestalten. Bäume und andere Pflanzen am Straßenrand steigern massiv die Lebensqualität in der Großstadt. Sie produzieren lebensnotwendigen Sauerstoff und filtern Staub aus der Luft. Mithilfe ihrer Blätter mindern sie den nervenaufreibenden Straßenlarm. Stattdessen schaffen sie einen Lebensraum für Singvogel und Insekten. Kurz gesagt, Straßenbäume sind Wohltäter für Körper und Geist. Da den Städten aber in aller Regel das Geld fehlt, um die Beete und Grünflächen am Straßenrand angemessen zu pflegen, ist die Initiative der Anwohner gefragt. Wer statt eines verkommenen Schandflecks vor seiner Haustür gesunde Bäume oder gar prächtig blühende Straßenrandoasen sehen möchte, muss selbst Hand anlegen.

Die Kölner „Bananenrepublik“

Genau das war das Ziel eines der Kölner Südstadtoriginale, des selbsternannten „Präsidenten der Bananenrepublik“. Alles begann mit einem Kreisverkehr auf der viel befahrenen Bonner Straße. Bis vor einigen Jahren wurde dessen Mittelpunkt als Abladeplatz für Bauschutt genutzt – ein Schandfleck, der jedem auffiel, der vom Autobahnverteiler Süd kommend dem Stadtzentrum zustrebte, und ein Dorn im Auge von „El Presidente“. Mit Schaufel, Gießkanne und säckeweise Erde bewaffnet rückten der Präsident und seine Helfer dem Kreisel zu Leibe. Man pflanzte eine Bananenstaude und rief kurzerhand die „Autonome Bananenrepublik“ aus.

Doch schon bald schlitterte die Republik in eine Staatskrise. Denn seitdem „Nana“, die Bananenstaude, Opfer eines heimtückischen Raubes wurde, steht an ihrer Stelle nur noch ein Holzschild mit der Aufschrift „Banane“. Der inzwischen nachlassig gepflegte Guerilla-Garten rief  die Stadtverwaltung auf den Plan und der Bananenrepublik drohte das Aus. Doch „El Presidente“ ließ sich das nicht gefallen. Alles, was in der jungen Republik Rang und Namen hatte, kam am Verhandlungstisch zusammen und gemeinsam mit Vertretern der Stadt wurde die offizielle Patenschaft beschlossen. Eine wechselnde Bepflanzung aus Bananenstauden, südländischen Palmen, farbenfrohen Sonnenblumen und Orchideen schmückt heute den Kölner Lieblingskreisverkehr.

eine Aufgabe für jedermann

Inzwischen haben viele Engagierte den Kontakt zum Kölner Amt für Landschaftspflege und Grünflächen gesucht und unterhalten ihre eigene Straßenrandoase. Als Dank erhalten die engagierten Paten ein Schild im Beet und eine Patenschaftsurkunde. Von der einfachen Pflege bis hin zu fast künstlerischem Gartenbau sind den Möglichkeiten nur die Grenzen der Fantasie gesetzt.